HIERHIN UND DORTHIN
Christine König Galerie Wien 24.03. - 6.05.2006

Uta Webers Zeichnungen handeln, wie der Titel bereits ankündigt, vom Reisen: Reisen mit dem Auto und mit dem Flugzeug. Sie zeigen jedoch nicht Städte, Sehenswürdigkeiten oder reizvolle Landschaften, im Sinne von erinnerungswürdigem Gesehenen. Vielmehr sind es Nicht-Orte, Orte von üblicherweise geringem Interesse aus der extremen Perspektive des Reisenden selbst. Der Akt des Reisens an sich wird zum zentralen Anliegen der Künstlerin. Unsere heutige mobile Gesellschaft, wie sie der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch „Der flexible Mensch“ schildert, kommt in Uta Webers Zeichnungen klar zum Ausdruck. Autobahnrastplätze, Autobahnbrückenkreuzungen oder Tankstellen zeigen gesichts- und namenlose Orte, die jeder Autofahrer aus eigener Erfahrung kennt. Eine gewisse Melancholie kennzeichnet diese Bilder, die menschenleer und ohne verkehrsbedingte Betriebsamkeit die Einsamkeit des Reisenden vermitteln. Ungewöhnliche Perspektiven verleihen den Zeichnungen beinahe fotografischen Anschein mit dokumentarischem Charakter. Flüchtige Momente, wie das Vorbeirasen an Autobahntankstellen oder Unterfahren von Autobahnbrücken, bekommen wie in einem Film-Still dauerhafte Präsenz. Die plakative Zeichentechnik, ohne Spuren von Duktus oder Gestik, unterstützen diesen Eindruck, währenddessen die Wahl der Farbigkeit den Betrachter in die Fiktion zurückholt.

Die Serie der „Flug“-Zeichnungen führt dem Betrachter die noch immer ungewöhnliche und für den Reisenden selbst auch aufregende Art und Weise der Fortbewegung in der Luft vor Augen. Der jahrhundertalte Traum vom Fliegen und somit das Schauen aus der Vogelperspektive auf die Erde ist im 20. Jahrhundert Wirklichkeit, ja sogar zur Routine geworden. Sowohl die Sicht vom Flugzeug auf die Erde, von oben nach unten, als auch der ferne Blick in den Himmel auf die Flugzeuge, von unten nach oben, zeugen davon.
Wie abstrakte, gegenstandlose Darstellungen muten die Zeichnungen „Wolke“, „Kreuzung“ oder „Himmel über....“ an, wenn sich die Farbe des Himmels und das Weiß der Kondensstreifen gegenüber stehen. Auch der Ausdruck von Fernweh vermittelt der wehmütige Blick in den weiten Himmel. Die Dichterin und Schriftstellerin Gertrude Stein schrieb über die Faszination des Fliegens am Anfang des 20. Jahrhundert und sah Analogien in der modernen Kunst: “Als ich in Amerika war, reiste ich ziemlich viel mit dem Flugzeug, und als ich auf die Erde hinunterschaute, sah ich alle die Linien des Kubismus, die zu einer Zeit entstanden waren, als noch kein Maler in einem Flugzeug aufgestiegen war. Ich sah dort unten auf der Erde Picassos vermischte Linien, sah sie kommen und gehen, sich entwickeln und sich zerstören; ich sah Braques einfache Lösungen, ich sah Massons umherschweifende Linien, ja, ich sah das, und wieder erkannte ich, daß ein schöpferischer Mensch zeitgenössisch ist; er versteht was zeitgenössisch ist, wenn Zeitgenossen es noch nicht wissen.“

Das Charakteristische an Uta Webers Zeichnungen ist die Darstellung der Distanzüberwindung des Reisens als einen besonderen Moment. Losgelöst von der Routine des Alltags, irgendwo zwischen Abfahrt und Ankunft, befindet sich der Reisende in einer Art „Auszeit“, die ihn von jeglicher Verbindlichkeit und Verantwortung für eine bestimmte Zeit erlöst. Das stundenlange Verweilen in der Wartehalle eines Flughafens oder eine ausgedehnte Autofahrt versetzen den Reisenden in eine erzwungene Passivität, die in der Schnelllebigkeit und Hektik unserer heutigen Gesellschaft Seltenheitswert besitzt. Das „Nichtstun“ ermöglicht so, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen sowie Träumen und Wünschen nachzugehen. So greifen die Zeichnungen jene Augenblicke auf, die den Zustand des Verweilens an Nicht-Orten und in Nicht-Zeiten als etwas Außergewöhnliches beschreiben.

Dr. Silke Immenga

HERE AND THERE

Uta Weber’s drawings, as their title announces, are all about journeys: trips taken by car or by plane. However, they don’t show cities, places of interest or charming landscapes in the sense of memorable scenes. These are more like non-sites, places normally of little interest, seen from the extreme vantage point of the traveler him/herself. The very act of traveling is in itself a pivotal concern of this artist. Today’s mobile society, as the sociologist Richard Sennet describes it in his essay “The Flexible Man”, is clearly reflected in Uta Weber’s drawings. Highway rest stops, intersected motorway bridges or service stations are faceless and nameless places that are within every driver’s experience. A certain melancholy is a feature of these pictures that portray a state of desertedness, clear of any traffic, and convey a traveler’s isolation. Unusual perspectives lend the drawings the almost photographic look of a documentary report. Fleeting moments, such as the blurred rush past highway service stations or under highway road bridges, are given the permanent presence of a still photo. The poster-like drawing technique, with no signature-style or gestural traces, reinforces this impression, while her choice of color draws the viewer back into fiction.

The series of “flight” drawings makes it clear to the viewer how locomotion through the air still has an unusual and, for the traveler him/herself, sometimes even an exciting aspect. The century’s old dream of flying and, with it, the bird’s-eye view onto earth has become reality in the 20th century, even routine. This is substantiated by the long-range view into the sky up to the planes (from below to on high), as well as the view from the airplane to the earth (from above to below).
Abstract, non-representational depictions are what the drawings “Wolke” (cloud), “Kreuzung” (junction), “Himmel über…” (sky over…) seem to become when the color of the sky and the white of the plane’s vapor trails converge. Too, the wistful look into the vast heavens conveys a wanderlust mood. At the beginning of the 20th century the American writer Gertrude Stein wrote about the analogies she saw between modern art and our fascination with the experience of flying:
"When I was in America I for the first time travelled pretty much all the time in an airplane and when I looked at the earth I saw all the lines of cubism made at a time when not any painter had ever gone up in an airplane. I saw there on the earth the mingling lines of Picasso, coming and going, developing and destroying themselves, I saw the simple solutions of Braque, I saw the wandering lines of Masson, yes I saw and once more I knew that a creator is contemporary, he understands what is contemporary when the contemporaries do not yet know it..."

What is characteristic of Uta Weber’s drawings is the portrayal of travel, of the effort of overriding distance as a special moment. Freed from everyday routine, somewhere between departure and arrival, the traveler finds herself in a kind of ‘time-out’ that momentarily relieves her of any obligation or responsibility. Hours of lingering in the departure lounge of an airport or a long, drawn-out car journey force the traveler into a passive state that in today’s fast-paced and hectic society takes on the aura of rarity. This ‘doing-nothing’ makes it possible for you to give your thoughts free rein, as well as to pursue your dreams and wishes. It is these moments that the drawings capture, which describe the state of tarrying at non-sites and in non-times as something out of the ordinary.

From the German by Jeanne Haunschild, Bonn
JHTranslator@T-Online.de

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